Schönheit als Leitfaden | V-ZUG Österreich

Schönheit als Leitfaden

Camilla Douraghy Fischbacher ist Creative Director von Fischbacher 1819, einem Textilunternehmen in sechster Generation mit einer zweihundertjährigen Geschichte. Mit einem Hintergrund in Geisteswissenschaften und Fotografie hat sie die Marke zu einer zeitgemäßen Ästhetik geführt, von einer erneuerten Bildsprache bis hin zu recycelten Stoffen.

Wie würden Sie das aktuelle Kapitel von Fischbacher 1819 unter Ihrer kreativen Leitung und der Leitung von Michael Fischbacher als CEO beschreiben?

Ich würde sagen, wir befinden uns in einer Phase der bewussten Weiterentwicklung. Michael und ich konzentrieren uns bewusst darauf, festzulegen, wer wir heute sind. Wir begannen 1997 für das Unternehmen zu arbeiten und lebten dann sieben Jahre in den USA und in Japan. Als wir zurückkamen, begannen wir darüber nachzudenken, wie wir die Marke modernisieren können, ohne ihre Tiefe zu verlieren. Wir wollten, dass es relevant und lebendig ist, nicht in der Zeit eingefroren.

Was sehen Sie als die bedeutendsten Entwicklungen, die Fischbacher 1819 seit 2008 durchlaufen hat?

Als wir die Unternehmensführung übernahmen, stand Christian Fischbacher ganz im Zeichen der Tradition mit verschnörkelten und blumigen Mustern. Ich machte mich daran, diese Bildsprache vollständig zu verändern. Das erste Fotoshooting zur Einführung unseres Benu Recycled-Stoffes fand nicht wie üblich in einer Luxusvilla statt, sondern in einem verlassenen Lagerhaus. Das sorgte damals für so viel Drama, dass wir schließlich sogar eine andere Website entwickelten, um die Kollektion zu präsentieren. Lustigerweise ist das siebzehn Jahre später zu unserem Markenzeichen geworden. Es war keine einfache Entscheidung, aber ich vertraute meinem Bauchgefühl. Ich würde sagen, dass das Unternehmen, wie wir es heute kennen, damals begonnen hat.

Benu ist ein innovativer Stoff aus recycelten PET-Flaschen und industriellen Textilabfällen. Die Aufnahme in den Produktkatalog war ein weiterer mutiger Schritt für ein Traditionsunternehmen, ganz abgesehen von der neuen Bildsprache. Wie wurde Benu anfangs aufgenommen, und wie wird es heute wahrgenommen?

Ich wurde während einer Vorstandssitzung beiseite genommen und mir wurde gesagt, ich würde das Unternehmen nicht verstehen, Christian Fischbacher sei ein elegantes Haus und niemand wolle meinen recycelten Abfall. Es war ziemlich hart, aber es hat mich noch entschlossener gemacht: Eine solche Reaktion bedeutete, dass ich auf der richtigen Spur war! Die Menschen, die mit dem Wandel einverstanden waren, sind nach wie vor große Verfechter:innen der eingeschlagenen Richtung: Es ist für ein Unternehmen sehr wichtig, sich auf eine gemeinsame Richtung zu fokussieren.

Die Bedeutung des Teams. Können Sie uns mehr darüber erzählen, wie die Kollaborationen die Entstehung von Kollektionen prägen?

Die Designer:innen in meinem direkten Team sind seit Beginn dieselben Personen. Auch sie waren anfangs gar nicht begeistert vom Benu Recycled-Stoff, aber ich erinnere mich an eine entscheidende Sitzung, in der ich sagte, dass unsere Herausforderung als Design-Team nicht nur darin bestehe, schöne Farben zu finden, sondern das zu tun, was Apple mit dem IBM-Computer geschafft hat. Das war ein Wendepunkt, danach waren alle mit an Bord. Heute sind wir ein Team von Menschen, die an unseren beiden Standorten in St. Gallen (CH) und in Como (IT) arbeiten. Wir arbeiten Hand in Hand: Ich denke, eine Gruppe ist immer klüger als eine einzelne Person.

„Ich bin wirklich davon überzeugt, dass Menschen berührt werden, wenn sie etwas Schönes sehen. Deshalb frage ich mich als Erstes: ‚Lässt das mein Herz höherschlagen?‘ Wenn ja, ist das der Stoff, den wir in der Kollektion haben wollen.“

Wenn Sie ein neues Produkt entwickeln, welche Schlüsselelemente berücksichtigen Sie dabei?

Schönheit ist ganz klar das Wichtigste. Tiefgründige Schönheit, etwas, das einen berührt. Ich liebe ein Zitat von William Morris, das besagt, dass Schönheit die Kraft habe, die menschliche Seele zu retten: Ich glaube wirklich, dass Menschen berührt werden, wenn sie etwas Schönes sehen. Also frage ich mich als Erstes: „Lässt das mein Herz höherschlagen?“Wenn dies der Fall ist, ist dies der Stoff, den wir in der Kollektion haben wollen. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Velvet Stretch, den wir letztes Jahr auf den Markt gebracht haben. Wir mussten uns zwischen diesem und einem klassischen Mohair entscheiden - einem Stoff, den unsere Wettbewerber bereits anboten, bei dem unsere Verkaufsabteilung aber das Gefühl hatte, dass wir ihn auch in unserer Kollektion brauchten. Am Ende entschieden wir uns für den modernen, dehnbaren Samt, der sich einfach besser anfühlte und uns mehr Freude bereitete. Die Reaktion des Marktes bestätigte unser Gefühl.

Es geht also weniger um Trends als vielmehr um Langlebigkeit.

Ganz genau. Wir setzen auf Kontinuität und nicht auf Trends. Es ist ein philosophischer Ansatz. Wir glauben wirklich an eine saisonunabhängige Nutzung von Textilien. Jahr für Jahr sollte alles zusammenpassen, was auch eine Form des Respekts gegenüber unseren Kund:innen darstellt. Ich finde die Idee einer «Farbe des Jahres»lächerlich: Was bedeutet das? Dass Farben in zwölf Monaten aus der Mode kommen? Unser Horizont ist viel weiter. Ich bin der Überzeugung, dass Vorhänge mindestens zehn Jahre halten sollten. Und selbst dann, wenn die Farbe durch die Sonne etwas auszubleichen beginnt, ist das wirklich so schlimm? Dinge dürfen nicht altern und unvollkommen werden? Das sind die Punkte, die ich ansprechen möchte. Wir müssen weg vom Streben nach Perfektion und dem Bedürfnis, dass alles immer neu sein muss. Das ist die eigentliche Ursache unserer Wegwerfkultur.

Ich mag das Konzept von Stoffen, die gut altern. Ist das ein Qualitätsmerkmal?

Ich glaube schon. Qualität bedeutet für mich sowohl Langlebigkeit als auch Schönheit - für das Auge und beim Anfassen. Zu Hause habe ich ein Mohair-Sofa. Es ist stark verblasst, da es dem Sonnenlicht ausgesetzt ist und ich es seit über fünfzehn Jahren habe. Aber es ist nicht abgenutzt. Die Töne sind leicht gedämpft und es hat eine schöne Patina. Es ist immer noch ein absoluter Traum, darauf zu sitzen. Ich finde, in etwas zu investieren, das man wirklich liebt, ist echte Nachhaltigkeit und auch günstiger als Dinge ständig zu ersetzen.

Nachhaltigkeit ist heutzutage ein zentraler Bestand teil vieler Designkonzepte. Was bedeutet das für die Designansätze und das Mindset von Fischbacher 1819?

Ich besuche persönlich alle Lagerhäuser und Fabriken, mit denen wir zusammenarbeiten, denn Nachhaltigkeit beginnt bei uns mit Menschen und langfristigen Beziehungen. Viele der Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind seit Generationen unsere Partner:innen. Einmal kam der Besitzer einer indischen Firma zu uns nach Hause und war erstaunt, den Stoff zu erkennen, der in unserem Wohnzimmer hing: Es war das erste Textil, das seine Firma je an Fischbacher verkauft hatte – damals an den Großvater meines Mannes. Auf diese langlebige, gemeinsame Geschichte sind wir sehr stolz. Wir arbeiten auch weiterhin mit seinem Unternehmen zusammen, weil er sich für die Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen auf allen Ebenen und für deren Bildung einsetzt. Wir sind bestrebt, alle Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, gut zu behandeln. Unternehmen gehen manchmal wunderbar mit ihren Kund:innen um, nutzen dann aber ihre Lieferant:innen aus. Für mich geht es um gegenseitigen Respekt und Zusammenarbeit: Ziel ist es, gemeinsam das beste Produkt zum besten Preis zu finden.

Wie sieht es mit der Forschung aus?

Forschung bedeutet nicht nur, neue Techniken, neue Webstühle und neue Wege der Textilherstellung zu finden, sondern auch, Verlorengegangenes wiederzuentdecken. Ein Beispiel dafür ist ein Stoff, den wir gemeinsam mit Ramdane Touhami entworfen haben und der von einer italienischen Firma gewebt wurde, die einen Webstuhl aus den 1960er-Jahren und eine Häkelmaschine verwendet, die nicht mehr produziert wird. Ich glaube, es ist sogar die einzige noch existierende Maschine dieser Art. Der Prozess ist sehr langsam, und es dauert ewig, diesen Stoff herzustellen. Aber wir wollten eine Gardine, die aussieht wie ein großer Pullover, also haben wir so lange geforscht, bis wir genau das hatten, was wir wollten.

Sie sind in sehr unterschiedlichen Märkten tätig und blei ben dabei tief in Ihrer Tradition verwurzelt. Wie gehen Sie mit diesem Dialog zwischen verschiedenen Kulturen um?

Mit Authentizität. Ich bin halb Amerikanerin, halb Iranerin, bin in Europa aufgewachsen und habe dann in Asien gelebt. Ich bin überzeugt, dass man immer einen Dialog beginnen kann, wenn man neue Orte mit offenem Geist und offenem Herzen besucht. Im vergangenen Mai reiste ich entlang der Seidenstraße: Es war eine bewusst geplante Reise, ich wusste genau, wonach ich suchte, und hatte mich im Vorfeld gründlich informiert. Und als ich zurückkam, arbeiteten mein Team und ich hart an Ideen, Entwürfen und Mustern, bis wir unsere eigene Interpretation davon gefunden hatten. Das ist mir von größter Bedeutung: Es geht nicht darum, dass «das erfunden haben»sondern darum, dass „das von Ihnen stammt, Sie haben es geschaffen. Das hier ist unsere Interpretation davon.“Ich denke, das kommt daher, dass ich Iranerin bin und sehe, dass unsere Kultur derart vom Westen vereinnahmt oder Indien oder der arabischen Welt zugeschrieben wird.

Über Camilla Douraghy Fischbacher

Als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines iranischen Vaters lebte Camilla Douraghy Fischbacher bis in die 1980er-Jahre im Iran. Nach der Revolution zog sie mit ihrer Familie in die Schweiz. Sie besuchte das Gymnasium in Deutschland, bevor sie in die USA zog und später an der University of Oxford studierte. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Michael Fischbacher kennen. Nach mehrjährigen Auslandsaufenthalten kehrten sie 2008 nach St. Gallen zurück, wo sie das familieneigene Textilunternehmen Christian Fischbacher übernahmen, das kürzlich in Fischbacher 1819 umbenannt wurde.

Sie haben auch einen künstlerischen Hintergrund, da Sie Kunstfotografie studiert haben. Denken Sie, dass dies Ihre Arbeit als Creative Director Ihre Suche nach Schönheit beeinflusst?

Ja, und es geht sogar noch weiter, da mein Vater ein leidenschaftlicher Sammler antiker Textilien und Teppiche ist und ich von schönen Dingen um mich herum aufgewachsen bin. Ziemlich lustig, dass ich schließlich in eine Textilfamilie eingeheiratet habe! Sehr lange hielt ich meine Kunst und meine Arbeit voneinander getrennt, weil ich das Gefühl hatte, dass das, was ich mache – also die Kunstfotografie – einen eigenen Raum brauchte, um ganz für sich selbst zu existieren. Ich wollte zum Beispiel nie Fotos für das Unternehmen machen. Aber die Entscheidung, mit dem Schweizer Künstler Peter Hauser zusammenzuarbeiten, hat sicherlich mit meinem Verständnis dafür zu tun, was er kann und wie ich ihn kreativ fordern kann. Vor einigen Jahren haben wir an unserem Lookbook für die neue Kollektion gearbeitet. Wie immer haben wir den Stoff in einem Raum als Vorhang aufgehängt. Aber dieses Mal wirkte es langweilig und uninspirierend, also sind wir nach draußen gegangen und wickelten den Stoff schließlich um einen Baum. Das Bild war wunderschön, und die Presse liebte es. Ich habe festgestellt, dass, wenn ich von der Frage ausgehe: «Verkauft sich das?», dass das Fotoshooting nicht gelingt, zumindest nicht bei mir. In einem Lookbook muss es um Inspirationen, Ideen und Kreativität gehen. Das hat sicher etwas mit meinem künstlerischen Hintergrund zu tun.

Was sind aus Ihrer Sicht heute die größten Herausforde rungen für die weltweite Textil- und Einrichtungsbranche?

Es ist das fehlende Verständnis dafür, wie wichtig es ist, hochwertige Stoffe zu verwenden. Wir wissen immer weniger darüber. Unsere Großmütter hatten noch ein klares Gespür dafür, was qualitativ hochwertig ist und was nicht. Holen Sie sich Vintage-Möbel, -Mäntel, -Pullover: Worin unterscheiden sie sich? In allem. Zu viele Marken haben in letzter Zeit unser Vertrauen missbraucht: Wenn ein T-Shirt zwei Dollar kostet, kann etwas nicht stimmen. Das ist in unserer Branche zwar weniger üblich, aber auch wir sind nicht immun, auch wir spüren den Preisdruck. Deshalb denke ich auch, dass wir die Konsument:innen darüber aufklären müssen, wie sie Qualitätsunterschiede feststellen können und wie man Textilien pflegt, damit sie länger tragbar sind. Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn man Gekauftes behält, schätzt und nicht direkt durch etwas Neueres ersetzt.

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